Aber es könnte sein! Teil II
3. November 2008 | Von Peter Bold | Kategorie: Theorie des ZaubernsIn Teil I diese Artikels haben wir gesehen, dass Zaubertricks und Navigationssysteme mehr gemeinsam haben als man dächte. Navis haben aber auch mit Zuschauern einiges gemein. So sagen zum Beispiel die unterschiedlichsten Navis immer wieder die gleichen Sachen. Zuschauer haben die gleiche Eigenschaft und zwar über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.
Im Falle der Navigationssysteme sind diese Standards: „Der Straße lange folgen. Nach dreihundert Metern rechts abbiegen.“ oder „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Letzteren Satz gibt es bei Zuschauern durchweg auch, er wird nur anders formuliert. „Das war toll, dabei habe ich ganz genau hingesehen.“ ist eine Version davon. Es gibt aber natürlich auch noch die Varianten: „ Und dabei hast du doch die Ärmel hochgekrempelt!“, „Dabei hatte ich das Spiel ja selbst gemischt.“ und viele andere.
Diese Aussagen geben uns wichtige Anhaltspunkte darüber, welche Funktionsprinzipien Zuschauer hinter Zaubertricks vermuten. Wer trotz auftrittsbedingter Vielrederei noch in der Lage ist, zuzuhören, befindet sich also klar im Vorteil. Nach einiger Zeit bekommt man so auch ein Gespür dafür die Vermutungen des Publikum zu antizipieren. Hilfreich ist es, dabei im Hinterkopf zu behalten, dass Zuschauer auch oft von ihren Standardvermutungen ausgehen, wenn für euch vollkommen klar ist, dass diese Methode auf gar keinen Fall in Frage kommt.
Hier nochmal einige Klassiker:
Es war der Ärmel
Die Karten sind auf der Rückseite markiert
Es gibt eine Duplikatkarte
Das sind so schräg abgeschnittene Karten
Mein Onkel hat so ein Spiel, bei dem ist jede zweite Karte kürzer
Das war bestimmt ein Trick!
Ob und wie ihr diese Vermutungen ausschließen wollt ist ganz vom Vorführstil abhängig. Viele Mentalisten haben sich im Gefolge von Derren Brown darauf spezialisiert, andere, genau so wenig zutreffende Methoden anzudeuten. Statt des Lesens von Gedanken wird dann oft das Lesen von Körpersprache, so zum Beispiel der beim NLP beliebten Eye Accssesing Cues, vorgeführt. Damit reduziert man sich dann vom Übersinnlichen zum Übermenschen, macht die Darbietung aber auch für einen gewissen Prozentsatz der Bevölkerung glaubwürdiger.
Welche Fähigkeiten man andeuteten kann und ob sie wirklich unmöglich oder nur unwahrscheinlich sind, werde ich in einem weiteren Artikel ausführen. Nun aber zu den zwei praxiserprobten Möglichkeiten herauszufinden, welche Methoden die Zuschauer vermuten.
Methode 1: Einfach fragen. Sucht euch ein Testpublikum bei einer offenen Bühne oder in einer Bar und fragt direkt nach der Aufführung nach. Ich sage z. B. die Routine sei neu und ich möchte gerne wissen, ob man irgendetwas Verdächtiges gesehen habe. Oder was man nach dem ersten Betrachten als Methode vermute. Dann halte ich einfach den Mund, höre zu, widerspreche nicht und bedanke mich artig.
Methode 2: Fragen lassen. Diese Methode funktioniert noch besser. Tut euch einfach mit einem Kollegen oder Freund zusammen. Dieser sagt nach dem Auftritt, dass er die Qualitätssicherung für euch mache. Er kann auch gleich danach fragen, welcher Trick der beste war. Wenn die Zuschauer sich nicht entscheiden können, sollen sie alle Kunststücke aufzählen, an die sie sich noch erinnern. Lasst in beiden Fällen die Tricks in der Reihenfolge der Erwähnung notieren. Damit wisst ihr wo eure Stärken liege. Kunststücke, an die sich keiner der Zuschauer erinnert, könnte ihr gleich streichen, es sei denn, sie dienen der Vorbereitung eines anderen Effekts.
Also dann ran ans Publikum und bis morgen.