Zaubern – warum, wozu, und ist das eigentlich Kunst?

11. Oktober 2009 | Von Peter Bold | Kategorie: Theorie des Zauberns, Zauberschule

Obwohl ich selbst nicht das geringste Talent für fingerfertige Tricksereien irgendeiner Form besitze, bin ich in den manchmal recht zweifelhaften Genuss gekommen, etliche Zauberer auf verschiedene Weisen kennenzulernen (als Vorführpersönlichkeit, backstage und privat – ich denke, diese drei Unterscheidungen machen irgendwie Sinn) und auch ihre Wirkung auf unterschiedlichstes Publikum zu beobachten. Dabei stellt man sich zwangsläufig irgendwann die Frage: Warum ist ein junger Mensch so verzweifelt, dass er sich ein Hobby sucht, das praktisch ausschließlich dazu dient, andere Menschen zu beeindrucken?

Könnte er denn nicht Klavier lernen (da kommt zumindest der ästhetische Anspruch dazu), oder schauspielern (trotz vieler Parallelen wird Theater immer als höhere Kunst wahrgenommen; auf jeden Fall ist es, im Gegensatz zur Zauberkunst, keine One-man-Show, sondern immer ein Gruppenereignis, also irgendwie „sozial“) oder wenigstens Rugby spielen (die meisten Zauberer werden, was ihre Fitness und vitale Ausstrahlung betrifft, nur noch von Philosophiestudenten unterboten)?

Nein.

Offensichtlich gäbe es auch andere Möglichkeiten, wahnsinnig beeindruckend zu sein, ohne ständig der Egomanie-Kritik und dem lästigen „aber das ist doch keine richtige ‘Kunst’, oder?“ ausgesetzt zu sein. Ich denke schon, dass die meisten Zauberer ein großes Gefühl der Befriedigung empfinden, wenn sie der Mittelpunkt eines Abends und absolut unerklärlich sind (wie wir wissen, gibt es ja nichts Attraktiveres als eine mysteriöse Persönlichkeit, zumindest behaupten das alle – ich allerdings finde sympathische Persönlichkeiten irgendwie anziehender), und so mancher Zauberer (das braucht ihr gar nicht zu leugnen) kennt die Freuden des „haha, ich weiß was, was ihr nicht wisst, seid ihr aber doof!“. Deshalb haben auch alle so furchtbar große Angst, dass ihnen jemand diese Geheimnisse wegnehmen könnte (Trickverrat als achte Todsünde).

Aber das kann nicht alles sein. So erstaunlich es scheinen mag, man trifft doch immer wieder Exemplare der Zaubererspezies, die den Realitätsfilter des Magischen Zirkels noch nicht aufgesetzt haben, und sich außerhalb der Bühne ganz „normal“, nett, offen und sympathisch gebärden. Offensichtlich braucht man also keine schwere Persönlichkeitsstörung, um ein Ringspiel zu besitzen. Tatsächlich scheint mir die Zauberkunst (und ich verwende sehr bewusst diesen Ausdruck) ein Ventil für ein allgemein menschliches Bedürfnis zu sein („ich bin nur ein Werkzeug“, mag sich so mancher Zauberer nun denken), nämlich die Sehnsucht nach Staunen, nach Überwindung der üblichen festgefahrenen Gehirnstrukturen, dem ganz kurzen und ungefährlichen Ausbruch aus der doch oft ziemlich drögen Realität. Eben dieses Bedürfnis hat auch Dinge hervorgebracht, die selbstverständlich etwas ganz anderes und überhaupt viel bedeutender als die Zauberei sind, nämlich Philosophie, bildende Kunst, Religion, Theater und so fort. Meine lieben Kommilitonen halten die letzten Sätze wohl für ein Sakrileg, aber ich möchte noch ein Stückchen weitergehen: Die Zauberkunst hat gegenüber all dem noch einen großen Vorteil: Sie schleppt keinen lästigen Schwanz an Glaubenssätzen, Disputen, inhaltlicher Schwere und tiefer Bedeutung hinter sich her. Sie ist einfach.

Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen Sex und Ehe, was ja auch gerne mal ein wenig vermischt wird. Die Zauberei gibt uns die Erfüllung eines Bedürfnisses ohne zu beschweren, lässt uns staunen, ohne hinterfragen zu müssen (außer natürlich „wie hatta DAS denn gemacht??“) und hat somit eine ganz klare Daseinsberechtigung. Und nicht zu vergessen: „Kunst“ kommt von „können“, nicht von „ich bürde mir die Last des Universums auf und lasse euch arme Unverständige ein wenig mitleiden“. So. Ich glaube, das musste mal gesagt werden.(tm)

Theresa Marx ist Sprachphilosophin, Sängerin und war langjährig als Schauspielerin und Regisseurin an Theaterproduktionen beteiligt. In ihrer geheimen Identität, als Theresia Mardochai liest sie aus Händen.

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